Werkstatt

Wie entsteht eigentlich ein Atlas? Und wie die Karten im Atlas?

Wir zeigen die Schritte, die nötig sind, um aus vielen Ideen Karten zu erstellen und zu einem Atlas zusammenzutragen.

Planen und Konzipieren

Ideen und Konzepte werden entwickelt, diskutiert, konkretisiert und vertieft, bis schliesslich Inhalt, Zweck und Eigenschaften des Atlas bzw. einer Karte im Grundsatz definiert sind.

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Planen

In einem ersten Schritt wird die Planung für die Neuausgabe 2017 des Schweizer Weltatlas angestossen. Der Zweck der Publikation wird durch die Auftraggeberin, die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) festgelegt:

Atlas als Lehr- und Lernmittel für die mehrsprachige Schweiz, welches den Bedürfnissen des primären Zielpublikums, nämlich den Lehrpersonen und Schülern der Sekundarstufen gerecht wird. Die Vorgaben der verschiedenen Lehrpläne hinsichtlich eines kompetenzorientierten und auf Lernziele ausgerichteten Unterrichts werden dabei ebenfalls berücksichtigt. Darüber hinaus soll der Schweizer Weltatlas auch als allgemeines Nachschlagewerk für jedermann Verwendung finden. Die kartografische Qualität soll weiterhin hoch gehalten werden. Es wird ein umfassendes Konzept ausgearbeitet, das formale, strukturelle und inhaltliche Grundsätze festlegt. Diese Vorgaben legen das Fundament für die Auswahl geografischer Sachverhalte und Räume und für die Art, wie diese kartografisch umgesetzt werden sollen.

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Inhalt bestimmen

Nachdem die grundlegende Planung abgeschlossen ist, werden die konkreten aktuellen und relevanten geografischen Themen bestimmt, die im Atlas dargestellt werden sollen. Dabei orientiert sich die Kartenredaktion an verbindlichen Lerninhalten der geltenden Lehrpläne, vornehmlich des Fachbereichs «Räume, Zeiten, Gesellschaften» bzw. «Geografie».

Ausserdem sollen die Kartenthemen fachliche Kompetenzen fördern, wie z.B. die räumliche Orientierung. Ebenso sollten die Kartenthemen die Leitidee der «Nachhaltigen Entwicklung» und der Problemorientierung widerspiegeln. Auch andere Lehrmittel, die bereits zum Einsatz kommen, helfen, die Wahl der für den Unterricht geeigneten Kartenthemen zu treffen. Wissenschaftliche Veröffentlichungen werden hinzugezogen, um fachliche Richtigkeit und den Stand der Wissenschaft zu gewährleisten.

Ein Beispiel eines solchen Prozesses ist die Umsetzung des Sachthemas zur natürlichen Ressource «Wasser» in einer thematischen Karte. Die Entstehung dieser Karte wird im Folgenden erläutert.

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Eigenschaften der Karte bestimmen

Um das ausgewählte Thema darstellen zu können, muss zunächst der betroffene Raumausschnitt definiert werden (z.B. eine Stadt, eine Region, ein Kontinent oder die ganze Erde). Je nach Ausschnitt und Zweck der Karte wird eine geeignete Kartenprojektion gewählt.

Danach werden der Massstab und das Format bestimmt. Sie sind abhängig vom gewünschten Detaillierungsgrad des Themas und dem zur Verfügung stehenden Platz im Atlas. Im Schweizer Weltatlas sind die Kartenformate und die Massstäbe wenn immer möglich standardisiert. Damit ist der noch leere Kartenrahmen definiert.

Im Fall des Kartenthemas «Wasser» entscheidet die Redaktion, dieses auf globaler Ebene darzustellen, um die weltweiten Zusammenhänge aufzeigen zu können. Da zur Darstellung des Themas keine spezifische Projektion erforderlich ist, wird eine standardisierte, 1/2-seitige Erdkarte in der Robinson-Projektion gewählt.

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Didaktisch und inhaltlich reduzieren

Da nur begrenzt Platz zur Verfügung steht, müssen komplexe und vernetzte geografische Sachthemen inhaltlich reduziert werden, um die Karte nicht zu überladen. Einige Teilthemen werden entweder nur beiläufig thematisiert oder gänzlich weggelassen. Wichtige Sachverhalte werden hingegen bewusst betont.

Diese Reduktion geschieht aufgrund didaktischer Überlegungen: Welcher Inhalt ist für das Verständnis des Sachthemas erforderlich? Was ist auf dem zur Verfügung stehenden Platz überhaupt darstellbar? Oftmals wird ein exemplarischer Ansatz mit einem Fallbeispiel gewählt. Weiter sollen Karten entsprechend den Anforderungsniveaus der Kartenkompetenz sowohl einfachere wie auch komplexere Themen enthalten. Gelegentlich sind jedoch detaillierte Daten nicht verfügbar und die Karte muss deswegen vereinfacht dargestellt werden.

Für die Erdkarte zum Thema «Wasser» werden das Wasservorkommen, dessen quantitative und qualitative Nutzung durch den Menschen sowie die Wasserversorgung ausgewählt. Die Lernenden können durch die Teilaspekte des virtuellen Wassers und des Wasser-Fussabdrucks einen Bezug zu ihrer eigenen Lebenswelt erstellen.

Karten und Atlas erstellen

Für eine Karte werden in einer zweiten Phase Daten und Informationen beschafft, aufbereitet und analysiert. Daraus werden verschiedene Kartenentwürfe zum selben Thema und Raum konstruiert. Diese werden geprüft, getestet und Experten sowie Schülern vorgelegt, bis man sich schliesslich für einen der Entwürfe oder eine neue Kombination entscheidet. Die fertige Karte wird in den Atlas integriert.

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Daten aufbereiten

Nun werden die thematischen Datengrundlagen bereitgestellt. Meist müssen die Daten aber noch aufbereitet und aufeinander abgestimmt werden oder es werden Berechnungen und Analysen (z.B. die Einzugsgebiete des virtuellen Wassers ermitteln) vorgenommen.

Häufig ist auch eine inhaltliche Generalisierung (Vereinfachung der Daten, z.B. verfügbares Wasservorkommen pro Kopf in Klassen einteilen) oder eine geometrische Generalisierung (z.B. Vereinfachen der Umrisse der Einzugsgebiete) notwendig. Nun werden die geometrischen und thematischen Daten in eine Grafiksoftware geladen und oft noch miteinander verknüpft (z.B. verfügbares Wasservorkommen pro Kopf in einem Land den jeweiligen Landumrissen zuweisen).

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Kartografisch konstruieren

Die Grafiksoftware ermöglicht die eigentliche kartografische Konstruktion und die Festlegung des grafischen Aussehens der Kartenelemente.

Für die Karten des Schweizer Weltatlas wird soweit wie möglich eine standardisierte Symbolisierung verwendet. Das bedeutet, dass gleiche Objekte immer gleich dargestellt werden (z.B. braunes Dreieck für eine Bergspitze). Ebenfalls werden die Beschriftung und die Legende der Karte beigefügt. Kartenverwandte Darstellungen wie Diagramme, schematische Karten und Informationsgrafiken, vervollständigen das Kartenbild. Dieses wird abschliessend mit Kartentitel, Massstabs- und Projektionsangaben versehen. Durch die grafische Kombination der verschiedenen Teilthemen entsteht so eine komplexe Karte.

Wasservorkommen werden beispielsweise als farbige Länderflächen dargestellt, Diagramme in Form eines Tropfens mit variierender Grösse und Farbe symbolisieren den Wasserverbrauch, und Stabdiagramme zeigen den Zugang zur Wasserversorgung. Die Themen Wasser-Fussabdruck und virtuelles Wasser werden in zusätzlichen Infografiken dargestellt.

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Testen und verbessern

Jeder Kartenredaktor reduziert inhaltlich und thematisch unterschiedlich. Die subjektive Wahrnehmung des gewählten Sachverhaltes sowie der geografische, gesellschaftliche und zeitliche Kontext spielen bei der inhaltlichen Reduktion eine wichtige Rolle.

Datenaufbereitung und Datenanalyse können ebenfalls nach unterschiedlichen Methoden vorgenommen werden und auch die kartografisch-technische Umsetzung kann unterschiedlich durchgeführt werden. Während des Prozesses der Kartenerstellung entstehen meist unterschiedlichste Kartenentwürfe zu einem Thema. Diese Entwürfe werden in der Redaktion und zusammen mit externen Fachexperten und Lehrpersonen aus unterschiedlichen Schulstufen und Hochschulen aus allen Landesteilen der Schweiz diskutiert. Auch die Hauptzielgruppe darf nicht vergessen gehen: Schülerinnen und Schüler erhalten gelegentlich in Testlektionen ebenfalls die Möglichkeit, sich zu Kartenentwürfen zu äussern. Der gesamte Prozess kann mehrfach durchlaufen werden. Die geeignetste Variante wird ausgewählt und weiterverfolgt. Dies führt zu einer optimalen Kartendarstellung.

Bei der Wasserkarte der Erde werden drei unterschiedliche Konstruktionen diskutiert. Ein erster Entwurf beschränkt sich auf die qualitative Wasserverfügbarkeit. Durch Ergänzung mit einer Darstellung des regionalen Wasserverbrauchs entsteht eine zweite Variante. Der dritte, schlussendlich umgesetzte Vorschlag umfasst einerseits die beiden genannten Teilaspekte, jedoch in einer etwas anderen kartografischen Umsetzung. Ausserdem werden zusätzlich infrastrukturelle Gegebenheiten und das hydrologische Konzept des Wasser-Fussabdrucks aufgezeigt.

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Layouten

Bereits zu Beginn des Projektes wurde festgelegt, in welcher logischen Reihenfolge, in welchem Format und damit auf welcher der 256 Seiten jede Karte platziert werden soll.

Die fertigen Karten werden in einer Layoutsoftware zu Doppelseiten zusammengefügt und mit den Seitentiteln, Seitennummern und dem Griffregister ergänzt. Die Wasserkarte findet ihren Platz im hinteren Teil des Atlas unter vielen weiteren Erdkarten. Sie teilt sich zusammen mit der Karte zu den Amtssprachen eine Seite.

Atlas produzieren

Der komplette Schweizer Weltatlas liegt nun bereits in digitaler Form vor und kann am Computer durchgeblättert werden. Die Dateien werden in die Druckvorstufe geschickt. Sie werden so weiter verarbeitet, dass die Druckerei für jeden Druckbogen die benötigten Druckplatten (eine pro Farbe) herstellen kann. Der Atlas wird in sechs Farben gedruckt und danach in der Buchbinderei zum fertigen Buch ausgerüstet.

Drucken

Damit ist der Atlas fertig ausgearbeitet und kann am Computer bereits virtuell durchgeblättert werden. Die digitalen Daten werden an eine Partnerfirma in die sogenannte Druckvorstufe übergeben.

Mittels einer speziellen Software werden immer 16 Atlasseiten auf einem der insgesamt 16 Druckbögen platziert. Dieser Vorgang wird «Ausschiessen» genannt. Ein Druckbogen umfasst eine Vorderseite und eine Rückseite mit je 8 Atlasseiten. Jede Druckvorlage wird in die sechs Druckfarben zerlegt und digital an die Druckerei geschickt. Für jede Druckform stellt die Druckerei je eine Druckplatte in den Farben Cyan (Blau), Rot, Gelb, Grau und Braun her. Zudem werden jeweils drei Druckplatten für die Farbe Schwarz hergestellt, nämlich je eine für die deutsche, die französische und die italienische Ausgabe. Die drei Sprachausgaben unterscheiden sich also praktisch nur durch die schwarz gedruckten Schriftelemente. Die fertigen Druckplatten werden auf die Druckzylinder einer grossen Offset-Druckmaschine gespannt. Die zu bebildernden Stellen auf der Platte werden mit Hilfe eines Farbwerks eingefärbt. Die leeren Stellen werden auf der Aluminium-Druckplatte mit einem dünnen Wasserfilm belegt. Die Farbe wird dann auf einen zweiten, mit einem Gummituch bespannten Zylinder übertragen und gelangt erst von dort wie bei einem Stempel aufs Papier. Die Druckmaschine ist über 10 Meter lang und vermag mehrere tausend Bogen pro Stunde zu drucken. Alle 16 Bogen werden zuerst auf der Vorderseite («Schöndruck») und in einem weiteren Druckdurchgang auch auf der Rückseite («Widerdruck») bedruckt. Die Bogen werden nach Seitennummern und Sprachversionen sortiert und gestapelt und für den Weitertransport in die Buchausrüstung vorbereitet.

Die Wasserkarte wird im zweiten Druckdurchgang des Bogens 13 als Widerdruck auf die Papierrückseite gedruckt.

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Ausrüsten

Nachdem die 16 Druckbogen des Schweizer Weltatlas gedruckt sind, werden diese als Buch gebunden. Folgendes Video zeigt die einzelnen Schritte in der Buchbinderei.

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Vertreiben und verkaufen

Die fertigen Atlanten, zusammengeführt auf Paletten zu je 500 Stück, werden von der Buchbinderei in die Lager des Lehrmittelverlags Zürich (deutsche und italienische Ausgabe) und des Schulverlags Plus in Bern (französische Ausgabe) transportiert.

Die Verlage nehmen die Bestellungen von Schulen, Buchhandlungen oder Privatpersonen entgegen, stellen die Lieferungen zusammen und versenden sie an die Kunden.

Und so findet auch die Wasserkarte ihren Weg in die Schulzimmer, Teamzimmer der Lehrpersonen und in die Wohnzimmer.

Atlas
verwenden

Nun ist der Schweizer Weltatlas in den Händen seines neuen Besitzers. Der Atlas kann jetzt dafür verwendet werden, um in der Schule gezielt und effizient die Kartenkompetenz der Lernenden zu fördern. Doch auch Zuhause laden die reichhaltigen Karten des Schweizer Weltatlas dazu ein, von jedermann erkundet zu werden.

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Atlas verwenden

Schliesslich liegt der neue Schweizer Weltatlas auf einem Schülerpult und wird auf Seite 206 bei der Wasserkarte aufgeschlagen. Zum Beispiel mit Hilfe eines von der Lehrperson ausgeteilten Aufgabenblattes können die Schülerinnen und Schüler nun die Karte auswerten und geografische Fragestellungen beantworten.

Dazu werden Kartenelemente mit Hilfe der Legende identifiziert und zugeordnet. Objekte werden ausgezählt und miteinander verglichen. Räumliche Muster werden gedeutet, Beziehungen und Zusammenhänge festgestellt und auch Lösungsansätze zu spezifischen Problemstellungen können entwickelt werden. Die Ergebnisse lassen sich auch auf einer stummen Karte festhalten. Schliesslich können die Lernenden die Webseite des Schweizer Weltatlas aufrufen und im Suchfeld auf der Startseite nach dem Begriff «Wasser» suchen. Damit gelangen sie zur entsprechenden Wasserkarte und finden die angebotenen Zusatzmaterialien. So kann zum Beispiel der «Kartenkommentar» mit zusätzlichen Informationen heruntergeladen werden. Durch Vergleichen mit den eigenen Erkenntnissen und Schlussfolgerungen ergibt sich so für die Lernenden ein umfassendes Bild rund ums Thema «Wasser».

Dank fortwährender Kartenarbeit mit dem Schweizer Weltatlas können Schülerinnen und Schüler zunehmend kompetent und zielorientiert mit unterschiedlichsten Karten und Themen umgehen.